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Mit 1/83-1 im Rettungseinsatz

Im Notfall sicher und schnell in guten Händen

Es sollte ein schöner Spätsommertag werden, auch wenn schon ein zarter Hauch Nebel bei der morgendlichen Fahrt zur Rettungswache in Sindelfingen über der Landschaft lag. Walter Wölbl und Andreas Kraus verabschiedeten gerade den letzten Kollegen der vorausgegangenen Nachtschicht, die von 19 Uhr abends bis 7 Uhr morgens ging.
Nun waren sie mit dem RTW 1 / 83 - 1 für die nächsten zwölf Stunden an der Reihe. Der vorgeschriebene Check des Fahrzeugs war bereits nach der Schichtübergabe durchgeführt worden. Ähnlich wie vor jedem Start eines Flugzeugs. „Insbesondere der Beatmungs- und Kreislaufkoffer müssen immer auf ihre Vollständigkeit, Funktionsfähigkeit und Sauberkeit geprüft werden“, betont Andreas Kraus. „Das ist lebenswichtig“. Alles ok - auch an diesem Morgen. Die Melder - digital und analog - selbstverständlich auf Empfang. „Wir tragen augenblicklich beide, da wir in der Erprobungsphase der digitalen Alarmierung sind“, erläutert Walter Wölbl. Aber im Moment herrscht Funkstille.
„Ein guter Tag beginnt mit dem Frühstück“, sagt Walter Wölbl lächelnd. Also setzt sich 1 / 83 - 1 Richtung Mitarbeiter-Cafeteria des Klinikums Böblingen in Bewegung. „Wenn kein Einsatz ist, frühstücken wir seit einigen Jahren immer dort“, erklärt Andreas Kraus. Am Tisch sitzen bereits vier Kollegen, eine junge Kollegin und ein Oberarzt des Klinikums. Alle im Gespräch vertieft. Wölbl und Kraus kommen mit ihren gefüllten Frühstückstabletts hinzu. Gesundheitsbewusst mit Körnerbrötchen und Vitaminsaft und auf was man an diesem Morgen sonst noch so persönlich Appetit hat.
Stefanie, die junge Kollegin, hat eine Rettungshelferinnen-Ausbildung an der DRK-Landesschule in Pfalzgrafenweiler abgeschlossen. Nun macht sie ein zweiwöchiges Praktikum in der Rettungswache. Heute ist Halbzeit. Bei rund 30 Fahrten war sie bislang dabei, sprüht förmlich vor Freude, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sie peilt aus diesem Grunde ein Medizin-Studium an. „Aber vielleicht bleibt sie auch bei uns“, meint scherzhaft ein Kollege. In seiner Bemerkung schwingt auch ein wenig Hoffnung mit, denn Stefanie ist – wie man so schön sagt – mit Leib und Seele beim Rettungsdienst des Roten Kreuzes. Man merkt ihr nicht nur einmal an, daß sie darin ihre Erfüllung gefunden hat. Und das, obwohl der Dienst jede und jeden ständig vor neue Herausforderungen stellt: Menschlich, seelisch, konditionell und auch von den zeitlichen Notwendigkeiten her.

42-Stunden-Woche
Eine Zwölf-Stunden-Schicht geht schon „auf die Knochen“. Obligatorisch ist eine 42-Stunden-Woche mit sechs verschiedenen Schichten im Wechsel und alle sechs Wochen mit einem kompletten Wochenende. Die Dienstpläne sind lange im voraus detailliert festgelegt, können im Terminal der Rettungswache eingesehen und abgerufen werden. Schwierig wird es bei unvorhergesehenen Krankheitsfällen. Dann muss der Dienstplan sofort umgekrempelt werden. Weil der Rettungsdienst 24 Stunden am Tag einsatzbereit sein muss. Jeden Tag. Die Rettungswache Sindelfingen hat das höchste Fahrtenaufkommen aller insgesamt vier DRK-Rettungswachen des Landkreises Böblingen im Jahr. Den auf der Wache Sindelfingen stationierten Babynotarztwagen eingeschlossen, der für den gesamten Kreis zuständig ist.
Das Gespräch kommt auf den Herbst und den Winter, die ja vor der Tür stehen. „Unsere Fahrzeuge verhalten sich recht gut im Winter“, bescheinigt Walter Wölbl. „Die Ausrüstung ist hervorragend und regelmässig wird auch ein Sicherheitstraining angeboten“. Insofern wird der Rettungsdienst mit jedem Wetter fertig. Das ist wichtig und nicht selten überlebensnotwendig für die Patientinnen und Patienten. „Nur beim Blitzeis, das uns im vergangenen Winter zweimal überrascht hat, gab es Probleme. Da sind wir stellenweise nur Millimeterweise vorangekommen“, erinnert sich Andreas Kraus.
Wölbl und Kraus haben aber noch ein besonderes Lob parat: Für die Helfer vor Ort-Gruppen im DRK-Kreisverband Böblingen: „Absolut qualifiziertes Personal. Durch ihren schnellen Einsatz und ihre spezifischen Ortskenntnisse sind schon Leben gerettet worden. Insbesondere in den Außenbereichen des Landkreises Böblingen.“ Die Rot-Kreuz-Rettungskette hält eben!

Vom Hausnotruf alarmiert
Plötzlich meldet sich die Leitstelle über Funkmelder: Notfall bei einer alten Dame in Sindelfingen. Sie ist alleinstehend, ist aber am DRK-Hausnotrufsystem angeschlossen, das übrigens von der Stiftung Warentest Testsieger unter zwölf Anbietern geworden ist. Den Hausnotrufknopf trägt sie am Armband. Das war auch in diesem Fall richtig und entscheidend, denn die alte Dame ist beinamputiert und beim Aufstehen gestürzt. Ihr Haus- und Wohnungsschlüssel ist in der Rettungswache hinterlegt, Walter Wölbl nimmt ihn für alle Fälle mit. Wölbl, seit 34 Jahren Rettungsassistent, braucht das Navi, das selbstverstädnlich mit an Bord ist, nicht. Er kennt sich aus. Fährt bis vor das Zweifamilienhaus. Dort werden er und Andreas Kraus, ebenfalls Rettungsassistent und dem Roten Kreuz seit über drei Jahrzehnten verbunden, von einer erschütterten älteren Mitbewohnerin bereits an der Tür erwartet. Sie schlägt vor Aufregung die Hände über dem Kopf zusammen. Die Schlüssel werden nicht benötigt - aber das weiß man zuvor nie. Deshalb war es gut, daß sie in der Rettungswache codiert aufbewahrt werden. Sicher ist sicher.
Die Patienten liegt im ersten Obergeschoß im Schlafzimmer auf dem Boden, aber von einer weiteren Mitbewohnerin, die sich um die alte Dame kümmert, auf ein Kopfkissen gebettet und zugedeckt. „Haben Sie Schmerzen?“, fragt Walter Wölbl. „Ja, in der Steissbein-Gegend“. Wölbl spricht beruhigend auf die Patientin ein, Andreas Kraus steht mit Notfallkoffer und EKG-Messgerät für alle Fälle bereit. „Sollen wir Sie ins Krankenhaus bringen?“ „Nein, nein, ich will hier zu Hause bleiben“, wehrt die Patientin entschieden ab. Gebrochen scheint nichts zu sein, auch sonst werden keinerlei Verletzungen festgestellt. Dennoch, das ist unverkennbar, möchte Walter Wölbl die Dame lieber im Krankenhaus wissen. Zumal sie beimamputiert ist. Ein Rollator steht neben dem Bett. „Wenn Sie Schmerzen haben, müssen sie sich sofort melden, das geht nicht anders“, redet Wölbl der Dame ins Gewissen. Sie verspricht es ebenso wie ihre Nachbarin. Also wird die Patientin wieder in ihr Bett gehoben. „Gell, i ben schwer“, fragt sie lachend. Die beiden Rettungsassistenten wiederholen beim Abschied ihren eindringlichen Rat, sich bei Scherzen sofort zu melden, zumal sich heraus gestellt hat, daß auch die Nachtschicht bereits um 2 Uhr bei ihr war.
„Natürlich kommen wir bei jedem Notfall“, unterstreicht Walter Wölbl. „Aber bei der Dame stellt sich jetzt eigentlich die Frage, ob sie nicht in einem Pflegeheim besser aufgehoben wäre. Zumal sie ja alleinstehend ist und ihre Mitbewohnerinnen im Haus ja auch schon älter sind“. Die nette Nachbarin wird ihr jetzt etwas zu Essen kochen, doch die Frage „wie geht es weiter?“ bleibt vorerst noch unbeantwortet. „Die Situation dieser älteren, alleinstehenden und in ihrer Bewegung sehr eingeschränkten Dame ist kein Einzelfall, vielmehr steigt die Zahl“, verdeutlichen Wölbl und Kraus im Blick auf die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft.

„Ihr seid ja schnell da, sehr schnell sogar“
Auf der Rückfahrt meldet sich die Leitstelle: Kein Krankentransportwagen verfügbar, alle im Einsatz. Ist jemand in der Nähe des Pflegezentrums Sindelfingen? 1 / 83 - 1 ist es (die eins steht übrigens für die Rettungswache im Landkreis, hier für Sindelfingen, die 83 für den Fahrzeugtyp (hier Rettungswagen) und die 1 für das erste von fünf Fahrzeugen). „Es geht eigentlich um einen klassischen Krankentransport, aber da alle KTW der Rettungswache Sindelfingen unterwegs sind, springen wir ein. Das ist gelegentlich so“, klärt Walter Wölbl den Sachverhalt auf. Vor dem Pflegezentrum angekommen, wird die Trage mit Fahrgestell  aus dem Fahrzeug geholt. Breite Flure sichern ein ungehindertes Durchkommen, mit dem großräumigen Fahrstuhl geht es in die Apalliker-Abteilung, in der Menschen mit Dauerbeamtmung oder im Wachkoma liegen, zu dem Patienten, der in die Urologie des Klinikums Sindelfingen gefahren werden muss. Eine herbeieilende Pflegerin begrüsst Wölbl und Kraus anerkennend mit den Worten: „Ihr seid ja schnell da, sehr schnell sogar“. Beide freuen sich. Und beiden kommen wieder einmal ihre speziellen Ortskenntnisse zugute. Sie haben zügig und ohne fremde Hilfe die Station erreicht, gehen schnurstracks in das Zimmer, betten den Patienten auf die Trage. Dann geht es den gleichen Weg wieder zurück und 1 / 83 - 1 nimmt Kurs Krankenhaus.
Hier wird der Patient wieder umgebettet, über lange Gänge und Flure (Wölbl scherzt: „Das geht bei uns ohne Kompass!“) bis zur urologischen Ambulanz gebracht. Dort wird der Patient übergeben, kurze Diskussion über den notwendigen Transportschein, weil der RTW eingesetzt war, dann ist auch der notwendige „Papierkram“ erledigt. „Das muss sein“, lässt Andreas Kraus erst gar keine Ungeduld oder gar Frust aufkommen.
Mittlerweile treffen zwei weitere KTW und ein RTW im Klinikum Sindelfingen ein. Aus dem RTW wird eine ältere Dame gebracht. „Hängen Sie sich bitte bei mir ein“, springt Walter Wölbl sofort hilfsbereit ein. Was die Dame dankbar annimmt und spitzbübisch lächelnd meint: „Schön, bei zwei starken Männern zu sein.“ 
Andreas Kraus kommt zurück, begrüsst seine junge Kollegin Susanne Baumgärtl vom Krankentransport. Eine Art „Familientreffen“ aller vier Fahrzeuge. Natürlich purer Zufall, aber es verdeutlicht zugleich, wie wichtig beide Dienste – Rettungsdienst und Krankentransport – sind. Wirklich unverzichtbar.

Medizinischer Notfall
 Zurück in der Rettungswache ergibt sich eine kurze Begegnung mit Rettungsdienstleiter Gerhard Fuchs und Geschäftsbereichsleiter Guido Wenzel. „Unsere beiden Urgesteine“, werden Wölbl und Kraus freundlich scherzend begrüsst. Während des Small-Talks gibt es Alarm durch die Leitstelle. „Wir fahren jetzt mit Signal – Blaulicht und Martinshorn –  da es sich um einen medizinischen Notfall handelt. Eine Patientin mit einem akuten Bauch“.
Die Verkehrsteilnehmer verhalten sich entsprechend, reagieren sofort, machen Platz. Von der Alarmierung bis zum Eintreffen in einem Außenbereich von Böblingen sind sieben Minuten vergangen. Der Sohn steht bereit, weist Wölbl und Kraus, beide mit dem notwendigen Notfallgerät bepackt, den Weg. Das ist gut so, es wird keine Sekunde verloren.
An der Haustür wartet der Ehemann auf die beiden Rettungsassistenten. Vier, fünf Stufen, dann sind sie in der Erdgeschoß-Wohnung. Im Schlafzimmer windet sich eine rund 40-jährige Frau mit starken, kolikartigen Unterleibsschmerzen. Andreas Kraus misst den Blutdruck: „Stabil“. Ruhig, besonnen, aber ganz gezielt spricht Walter Wölbl mit der Frau. Sie hat seit etwa einer Stunde diese unerträglichen Schmerzen, Stöhnt, wird von Schüttelfrost geplagt. Im Raum stehen völlig ratlos und bedrückt der Ehemann und der Sohn. Wölbl nimmt die Hand der Frau: „Versuchen Sie bitte, ruhig durchzuatmen. Wir helfen Ihnen, versuchen Sie ruhig zu bleiben.“ Es stellt sich heraus, daß die Frau ein Unterleibsproblem hat. Es könnten Komplikationen im Bauchraum drohen. Ein
sofortiger Transport in das Klinikum Böblingen ist unausweichlich. Deshalb wird auch kein Notarzt angefordert.
Zumal neben dem stabilen Blutdruck die Frau ansprechbar ist. Auf die beiden Rettungsassistenten gestützt, schafft die Patientin den kurzen Weg bis zur Trage. Jeder Handgriff sitzt, schnell und zügig verläuft der Transport. Zwischenzeitlich ist die Klinik über die Leitstelle verständigt worden, die notwendigen Daten der Versicherungskarte sind ebenfalls eingelesen. Im Böblinger Krankenhaus geht es mit der gleichen Geschwindigkeit weiter: Umbetten, wieder das Eilen durch die Korridore. Chirurgie oder Gynäkologie? Diese Entscheidung erledigt sich gewissermassen im Laufschritt: Nach knapper, aber präziser Information über die Symptomatik wird in der Chirurgie entschieden: Weiter in die Gynäkologie. Keine Sekunde geht verloren. In der Gynäkologie ist sofort eine Ärztin da, übernimmt die Patientin zur weiteren Behandlung. Von der Alarmierung bis zur Übergabe in der Gynäkologie sind genau 26 Minuten vergangen! Kaum zu glauben, wenn man weiß, was alles dazwischen lag.  

Oft bleibt zum Mittagessen keine Zeit
Zum Mittagessen bleibt heute wenig Zeit. Die Leitstelle meldet sich wieder. „Nicht selten fällt das Mittagessen aus, dann holen wir uns, falls es die Einsätze erlauben und wir Zeit dazu haben, am Nachmittag etwas aus einer Bäckerei, die an der Strecke liegt“, sagt Walter Wölbl. Das klingt irgendwie selbstverständlich und soll es auch sein, denn die Motivation und das Bewusstsein, Verantwortung für andere zu haben, Menschen zu helfen und Menschenleben zu retten, sind im Laufe der Jahre nicht verloren gegangen. Ganz im Gegenteil!
Noch vier Einsätze sollen es in dieser Schicht sein: Ein stark angetrunkener, auf dem Straßenboden liegender Mann mittleren Alters wird ins Böblinger Krankenhaus gebracht, ein Sportunfall in Weil im Schönbuch macht ebenfalls eine Krankenhausaufnahme notwendig, in Althengstett wird bei einem Unfall Nachbarschaftshilfe geleistet, weil kein anderes Rettungsfahrzeug verfügbar war (Walter Wölbl: „Es kommt häufiger vor, daß wir auch in Nachbarkreisen aktiv sind“) und schliesslich wird 1 / 83 - 1 noch zu einer Verlegung angefordert.
„Manchmal, und das ist fast die Regel, sind es auch mehr als sieben Einsätze in der Schicht“, ziehen Walter Wölbl und Andreas Kraus Bilanz. „Dann werden halt nach Schichtende erst die notwendigen Protokolle geschrieben“. Auch das scheint wieder ganz selbstverständlich zu sein.

Hoffen auf Rückzugsmöglichkeiten und Fitnessraum
Zufrieden sind sie damit, daß die Rettungswache Sindelfingen mit in das neue DRK-Zentrum auf dem Flugfeld ziehen wird. Zu eng ist es an der Waldenbucher Strasse geworden. Viel zu eng. Die Einrichtung ist spartanisch. Sie hoffen, daß es im Neubau auch räumliche Rückzugsmöglichkeiten gibt, vielleicht noch ein Fitnessraum herausspringt. „Es gibt Einsätze, die gehen nicht spurlos an uns vorüber“, machen sich Wölbl und Kraus zum Sprecher der insgesamt drei RTW- und vier KTW-Besatzungen ihrer Rettungswache. „Wir suchen zwar untereinander immer wieder das persönliche Gespräch, aber es sollten auch räumliche Rückzugsmöglichkeiten vorhanden sein.“ Und noch etwas: „Ganz wichtig ist die Supervision. Eine Kollegin war kürzlich nach einem schrecklichen Verkehrsunfall schwer traumatisiert. Es wurde dann ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten veranlasst. Das war für sie absolut notwendig und hat ihr sehr geholfen“. -wh-